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Solvent

Titel: Solvent – Kritik von Stephan Gräfe Ein Film, der ständig vor dem Kollaps steht: Johannes Grenzfurthners Found-Footage-Horror Solvent erzählt, wie die NS-Ideologie auf einem österreichischen Bauernhof wieder an die Oberfläche sickert und gibt sich dabei ganz dem Wahnsinn hin. Beim dritten Teil von Johannes Grenzfurthners lose verbundener Horrortrilogie, dem Masking Threshold (2021) und Razzennest (2022) vorausgehen, stellt sich schnell Verwirrung darüber ein, was das überhaupt für ein Film sein soll: Autofiktion? Mockumentary? Experimentalfilm? Agitationskino? Einzeln passt keine dieser Kategorien. Im Zusammenschluss funktioniert es eher, aber auch da nur mit Mühe. Ständig scheint Solvent kurz vor dem Kollaps zu stehen, was allerdings auch seinen Reiz ausmacht. Anders als sein Thema – den unaufgearbeiteten Faschismus – kann man den Film nicht zuordnen. Zu sperrig, drastisch, überladen und seltsam wird das alles präsentiert. Österreicher und ihre Keller Dabei wirkt die Geschichte zu Beginn noch überschaubar: Ein Expertenteam sucht auf dem Bauernhof des verstorbenen Nazi-Offiziers Wolfgang Zinggl nach Beweisen für dessen Kriegsverbrechen. Doch außer Memorabilia und datierten Flaschen mit Urin findet sich nichts von Belang in dem von Schimmel befallenen Anwesen. Als das Team einen vergessenen Kellerzugang findet und ein aus dem Boden ragendes Rohr, aus dem feuchte Luft strömt, beginnt die Handlung ins Extreme zu kippen. Wegen eines mysteriösen Unfalls wird die Beweissuche schließlich abgebrochen. Nur der amerikanische Auswanderer Gunnar Holbrook (Jon Gries) bleibt im Dorf und entwickelt eine krankhafte Obsession mit dem Geheimnis des Kellers. Point of View: Madness Solvent zeigt die Geschehnisse in Form eines Found-Footage-Films aus Holbrooks Perpektive. In der Fiktion des Films ist er es, der das Material dreht und bearbeitet, was den aufgekratzten Schnitt und die Einsprengsel von Naturaufnahmen erklärt. Holbrooks zunehmende körperliche wie mentale Verwahrlosung fließt direkt in seine Filmaufnahmen ein. Über das Wasser am Grund des Rohrs infiziert er sich mit nationalsozialistischem Gedankengut und der letztlich doch nicht tote Nazi Zinggl ergreift langsam von ihm Besitz. Kameramann Florian Hofer gelingt es, über POV-Einstellungen den psychologischen Verfall mit entsprechend paranoider Bildführung umzusetzen. Okkultismus und Urin Grenzfurthner macht auf kluge Weise von einem klassischen Mittel der Schauerliteratur Gebrauch: der radikalen Ich-Perspektive. Schon bei Poe und Lovecraft sind viele Geschichten Zeugenberichte, in denen die Erzähler ihre Erlebnisse bis in den Wahnsinn hinein schildern. Wie bei diesen Vorbildern finden auch bei Solvent reale Geschehnisse, Orte und Figuren Eingang in die Handlung, um die Authentizität zu steigern. Dass Zinggl Grenzfurthners eigener Großvater war, der Film auf dessen Anwesen spielt und Fotografien wie auch Dokumente aus dem Familiennachlass eingeschnitten werden, lässt die Grenze zwischen Fakt und Fiktion verwischen. Auch die Motive von Wasser und Urin gehen auf die Erforschung von Okkultismus, New-Age-Praktiken und alternativer Medizin (zum Beispiel Ryke Geerd Hamers „Neue Germanische Medizin“) zurück, die Pseudowissenschaften mit rechtsextremer Ideologie verknüpft. Der Film stellt die Irrationalität der NS-Ideologie in einer überzogenen Horrorinszenierung aus, zieht zugleich aber auch eine Parallele zum gegenwärtigen Wiederaufleben dieser Mischung aus Radikalnationalismus und esoterischer Naturheilung. Ideologisches Brackwasser Der Film macht es seinem Publikum nicht leicht; nicht zuletzt auch durch seinen Humor. Immer wieder kontrastiert er verbale Witze mit Archivaufnahmen und Dokumenten aus der NS-Zeit. Kaum stellt sich durch die Wiederholung solcher Bilder ein ruhigerer Rhythmus ein, wird plötzlich eine Genitalverstümmelung gezeigt. In Solvent trifft Hoch- auf Trivialkultur und bitterer Ernst auf Gelächter. Ob Grenzfurthner ein guter oder schlechter Film gelungen ist, lässt sich schwer sagen. Wer Kino allerdings auch als Herausforderung begreift, wird von diesem Abstieg is sumpfige Brackwasser germanisch-völkisch Ideologie nicht unberührt bleiben. alle neuen Trailer Es gibt bisher noch keine Kommentare. Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.

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