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Dreams

Titel: Dreams – Kritik von Lukas Foerster Berlinale 2025 – Wettbewerb: In einer unaufgeregten, souveränen, wenn auch ein wenig mechanisch anmutenden Bildsprache erzählt Michel Franco in Dreams von der komplizierten Liebesbeziehung zwischen einem Ballettänzer und Migranten aus Mexiko und einer US-amerikanischen Kulturmäzenin. Wenn Fernando (Isaac Hernández) Jennifer (Jessica Chastain) aufsucht, überquert er die Grenze in die USA zusammengepfercht mit Dutzenden anderen Migranten in einem Lastwagencontainer, schlägt sich anschließend per Anhalter nach San Francisco durch, betritt dort eine schicke Wohnung, bedient sich aus dem Kühlschrank, und hat wenig später romantischen, sinnlichen Sex mit seiner amerikanischen Freundin. Wenn Jennifer Fernando aufsucht, überquert sie die Grenze nach Mexiko im Flugzeug, sekttrinkend in der ersten Klasse, lässt sich von einem Chauffeur zu einer Wohnung fahren, schält dort eine Mandarine und fordert ihren mexikanischen Freund dazu auf, sich auszuziehen, damit sie ihm seine verschwitzten Eier lecken kann. Ein Spiegelverhältnis, das keines ist. Was die Symmetrie bricht, ist, offensichtlich, das Machtgefälle zwischen der stinkreichen Jennifer, Tochter eines Kunstmäzens und selbst im Kulturbereich tätig, und Fernando, einem mexikanischen Ballettänzer, der in den USA Karriere machen will, sich aber vorläufig als Illegaler mit Gelegenheitsjobs durchschlagen muss. Toxische Beziehungsarithmetik Ausgehend davon entfaltet Michel Franco in einer unaufgeregten, souveränen, auf die Dauer freilich ein wenig mechanisch anmutenden Bildsprache eine toxische Beziehungsarithmetik. Die keineswegs eindimensional konzipiert ist. Denn das Machtgefälle ist nicht nur demütigend für Fernando, sondern auch unangenehm für Jennifer, insbesondere da es mit einem Altersunterschied einher geht. Der Verdacht, dass die nicht mehr ganz junge Millionärstochter sich einen jungen Toy Boy gekauft hat, liegt dermaßen nahe, dass Jennifer ihre Beziehung mit Alejandro nicht öffentlich machen möchte. Alejandro wiederum leidet weniger unter seiner ökonomischen Unterlegenheit, als unter Jennifers Geheimhaltung. Dass es neben der sozioökonomischen und der altersmäßigen noch eine weitere, dritte Differenz gibt, nämlich die Geschlechterdifferenz: darauf verweisen zunächst nur die Ballettszenen. Im Ballett, insbesondere in Paar-Choreografien wie dem Schwanensee-Finale, das wir Alejandro mit einer Tänzerin proben sehen, sind die Geschlechterrollen eindeutig verteilt und kein bisschen austauschbar. Der Mann stellt sich in den Dienst der Expressivität der Frau, verschwindet teils komplett hinter ihrer Ausdrucksbewegung – und demonstriert, vor allem in den besonders spektakulären Hebefiguren, gleichzeitig seine körperliche Überlegenheit. Ballett ist Geschlechterkampf, in Ästhetik stillgestellt. Der Gedanke liegt nahe: Auch der Geschlechterkampf zwischen Jennifer und Alejandro ist stillgestellt, allerdings nicht in Ästhetik, sondern durch ein Gleichgewicht ungleicher Kräfte, Geld und Status auf der einen Seite, körperliche Dominanz (Chastains Zierlichkeit war selten rührender als in diesem Film) und Geschlechtersozialisierung auf der anderen. In Bewegung gerät die Situation, als Alejandro dem goldenen Käfig entflieht. Es folgen die besten Szenen des Films: Jennifer, die Alejandro nicht vergessen kann, verwandelt sich in ein regelrechtes Raubtier. In immer mondänere Kleider gehüllt und ein diabolisch schwarz schimmerndes Luxusauto fahrend, begibt sie sich auf die Pirsch. Wie weit sie gehen wird bei ihrer permanenten Grenzüberschreitung: das bleibt eine Weile lang ebenso offen wie die Frage, ob die Beziehung der beiden tatsächlich durch Machtdifferenzen determiniert bleiben muss. Sexszenen als beobachtetes Verhalten statt als Erlebnisraum Zumindest im Raum steht nämlich eine Weile die Frage, ob beim Sex die diversen Machtgefälle verflüssigt werden, die Arithmetik aus dem Takt gerät. Jennifer und Alejandro fallen bei einem ebenso ungestümen wie seelenruhig in einer einzigen langen Einstellung durch Treppenstufen hindurch gefilmten Fick durchaus beide gleichermaßen gierig übereinander her. Bei anderer Gelegenheit nimmt Alejandro Jennifer für einen heimlichen, enthusiastischen Kuss beiseite, oder Jennifer wirft Alejandro aus der Distanz sengende Blicke zu. In solchen Momenten findet der Film kurzfristig zu einer Beweglichkeit, der er insgesamt systematisch entsagt. Letztlich bleibt der Film von Anfang bis Ende, was gutes Ballett nie ausschließlich ist: Mechanik. Anders als in Halina Reijns Babygirl, einem weiteren Film über das – man muss wohl sagen: – Trendthema Machtgefälle in Beziehungen, wirkt der Sex in Dreams nicht auf das Selbstverständnis der Figuren zurück. Die Sexszenen sind sozusagen nur beobachtetes Verhalten, keine Erlebnisräume, in denen Jennifer und Alejandro etwas über sich selbst lernen. Tatsächlich erweist sich die vermeintliche sexuelle Egalität bald als illusionär. Die eingangs erwähnte Szene mit dem Eierlecken zum Beispiel entpuppt sich als Jennifers Fantasie. Später im Film, in dessen düster-deterministischem letzten Akt, wird die sexuelle Symmetrie endgültig und unmissverständlich gebrochen. Der autorenfilmerischen Arithmetik entkommt man auch im Beischlaf nicht. alle neuen Trailer Es gibt bisher noch keine Kommentare. Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. 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